2010
12.18

Den 30. Juni werden vermutlich so einige innovative, in der Senioren-Abzocke tätige fliegende Verkäufer nicht vergessen. Lief es doch an diesem Tag so gar nicht gut für sie. Denn leider waren ein Kamerateam von RTL und ein Mitglied unseres Vereins Antispam e.V. vor Ort. RTL hat dazu einen TV-Beitrag am 13.07.10 ausgestrahlt (in der Sendung “Die Punkt 12 Reporter”). Der Erlebnisbericht des Antispam e.V.-Mitglieds findet sich im Forum.

Zunächst einmal begann alles nach Plan, wie so viele dieser typischen Kaffeefahrten: die Teilnehmer, die vorher mit abstrusen Gewinnversprechen geködert worden waren, wurden mit dem Bus an verschiedenen Haltestellen in Berlin eingesammelt und zu einem entlegenen Gasthof nicht weit von der polnischen Grenze entfernt verfrachtet. In diesem Gasthof begann dann die übliche, auf mehrstündiger Dauer ausgelegte Verkaufsveranstaltung, auf der den alten Menschen allerlei Nutzloses zu astronomischen Preisen verkauft werden sollte. Der Verlauf dieser Verkaufsveranstaltung wurde diesmal durch mehrere Zeugen beobachtet – was leider ansonsten nur selten gelingt.

Als Erstes erstickte der Verkaufssprecher jegliche Hoffnung auf Auszahlung des versprochenen Gewinns im Keim, indem er in etwa folgendes dazu äußerte:

“Sie haben doch alle Ihre Einladung dabei, oder? Haben Sie die auch mal richtig gelesen: da steht, Sie hätten die Gewinnoption. Option, optional kennen Sie ja? Das heißt, es besteht die Möglichkeit, muss aber nicht so sein. Haben Sie das verstanden? Schauen Sie mal auf das Schreiben: Sie haben doch alle eine Gewinnnummer auf diesem Schreiben, oder? Ich habe hier eine versiegelten Umschlag. Wenn die Gewinnnummer im Umschlag mit der Ihrigen übereinstimmt, haben Sie gewonnen. Ansonsten nicht. Aber für jeden gibt es heute Gewinne. Das garantiere ich. Ist aber eine Überraschung, und die verrate ich Ihnen erst am Ende.”

Bald danach ging es ans Eingemachte. Der Sprecher pries ein angebliches Wunderheilmittel mit markigen Worten wie den folgenden an:

“Was macht denn der Notarzt, wenn er einen Patienten erreicht? Er gibt ihm Sauerstoff. Das ist immer das erste, was er macht. Wissen Sie, Sauerstoff ist lebensnotwenig: ohne Essen überleben Sie 40 Tage, ohne Wasser 4 Tage und ohne Sauerstoff nur 4 Minuten, meine Damen und Herren! 4 Minuten, das ist nichts. Rufen Sie mal den Notarzt – der ist nicht in 4 Minuten bei Ihnen. Der braucht gerne mal 20 Minuten. Und das erste was er macht: er gibt dem Patienten Sauerstoff. Sauerstoff beruhigt den Körper und reaktiviert die Lebensgeister. Sauerstoff macht quasi munter! Ich will Ihnen heute etwas tolles vorstellen: Ein Gerät, das Sauerstoff produziert. Das ist für Ihre Gesundheit! Das ist Ihnen wichtig! Dieses Gerät, wenn es auf Ihrem Nachttisch steht, kann Ihr Lebensretter sein. Das kann er sein!”

Und weiter: er arbeite für eine Schweizer Firma, die es sich zur Aufgabe gemacht habe, dieses Gerät auch in Deutschland zu vertreiben. Es sei sehr aufwändig, dieses Gerät herzustellen. Er erzählte von Zuschüssen der Krankenkassen, von der Synthetisierung von Sauerstoff und erwähnte immer wieder, wie wichtig Sauerstoff für den Menschen sei. Er, bzw. diese “Schweizer Firma”, stünden aktuell in Verhandlungen mit mehreren Herstellern, um das Produkt auch in Deutschland anbieten zu können. Der normale Preis betrage 3500 €. Ab September würde der RTL-Shop das Produkt auch zum Preis von 2800 € vertreiben. Er erwähnte dabei mehrfach den Firmennamen „Riva Star“.

Selbstverständlich ergab sich auf Nachfrage, dass der RTL-Shop nichts von diesem angeblich geplanten Verkauf wusste. Eine Firma namens “Riva Star” ist nicht im Schweizer Handelsregister auffindbar. Es gibt allerdings eine in Bremen beheimatete Firma, die beide Wörter im Namen trägt:

    Riva Star Ltd. Co. KG
    Haferwende 23
    28357 Bremen

Ob der Verkaufssprecher diese Firma meinte, ist nicht bekannt.

Es ging weiter: Da er bei dieser Firma arbeiten würde, könne er da auch “am Preis drehen”: 1000 € “Rabatt” – für den er Beifall haben wollte. Der weitere Redeschwall des Verkäufers endete damit, dass das System, bestehend aus einer Inhalationsvorrichtung und zwei Beuteln mit einem geheimnisvollen Pulver, für einen sagenhaften Freundschaftspreis von 898 € zu haben sei.

Dieser „Sauerstoffgenerator“ wurde dann aber nicht verkauft, sondern nur präsentiert. Es wurde zwar die Frage gestellt, wer sich vorstellen könne, ein solches “lebenswichtiges Gerät” zu erwerben, für das er dann Werbematerial herumgehen ließ. Aber er betonte immer wieder, er werde das Gerät heute nicht verkaufen.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung sollten dann auch Nahrungsergänzungsmittel mit angeblich heilender Wirkung verkauft werden – auch hier ein klarer Verstoß gegen gesetzliche Bestimmungen. Folgerichtig wurde die nächstgelegene Polizeiwache verständigt. Dort fühlte man sich aus unerfindlichen Gründen nicht recht zuständig. Das Ordnungsamt könne das auch allein.

Das Ordnungsamt erschien dann auch im Verkaufslokal, die Veranstaltung wurde aufgrund eines Verstoßes gegen § 56a GeWO beendet. Da jedoch keine Polizeibeamten mit anwesend waren, gelang es nicht, Beweismaterial zu beschlagnahmen, außerdem konnten eventuell unterschriebene Kaufverträge dadurch nicht annulliert werden.

Neugierig darauf, welche hoch geheimen Inhaltsstoffe dieser ominöse “Sauerstoffgenerator” wohl beherbergte, gelang es immerhin, die Inhaltsstoffe anhand der Verpackungsbeschriftung in Augenschein zu nehmen. Zunächst einmal klangen diese für den Laien recht geheimnisvoll.

Das Gerät bestand laut Aufschrift aus folgenden Bestandteilen:


Plastikschale
passender Deckel
Atemschlauch
Universal-Atemmaske

Zubereitung wie folgt:

1 Liter warmes Wasser in die Schale gießen
Beutel “1” in die Schale geben und im Wasser verrühren.

Inhalt des Beutels 1: 80 Gramm Natriumhydrogencarbonat und 0,5 Gramm 3-Oxo-L-gluconsäure-γ-lacton

Beutel “2” in die Schale geben und im Wasser verrühren.

Inhalt des Beutels 2: 2 Gramm 2-Hydroxypropan-1,2,3-tricarbonsäure

Deckel auf der Schale befestigen
Inhalationsmaske anziehen und eine halbe Stunde lang inhalieren, dabei jede Minute kurz unterbrechen.

Mit relativ geringen Kenntnissen der Chemie lässt sich das Geheimnis des kruden Wunderpulvers nun allerdings recht schnell entzaubern.

3-Oxo-L-gluconsäure-γ-lacton – das ist nämlich nichts anderes als Ascorbinsäure, oder im Volksmund “Vitamin C” genannt.

2-Hydroxypropan-1,2,3-tricarbonsäure – das ist nichts anderes als schnöde, billige Zitronensäure.

Natriumhydrogencarbonat wird auch “Natron” genannt und kommt z.B. als Triebmittel in Backpulver vor.

Jeder Chemiker weiß: Die Zitronensäure ergibt zusammen mit dem Natron nichts anderes als ein billiges, triviales

    Brausepulver.

Hier wird es dann etwas “gewürzt” mit Vitamin C (wie das allerdings durch die Atemluft aufgenommen werden soll, ist unerfindlich).

Wenn man Brausepulver in Wasser schüttet, dann entsteht nichts anderes als Kohlensäure, die sprudelt gar recht schön, und daraus entweicht schnödes, billiges

    Kohlendioxid (CO2).

Mit anderen Worten: In diesem angeblichen “Sauerstoffgenerator” kann nicht ein einziges Molekül Sauerstoff entstehen. Sondern es entstehen geringe Mengen Kohlendioxid, man könnte also im Prinzip auch Sprudelwasser in eine Schale gießen und das Gas aus den Blubberblasen einatmen. Die biologische Wirkung entspricht in etwa der des Daumenlutschens. Wenn man das Blubberwasser anschließend austrinkt, hat man immerhin etwas Vitamin C aufgenommen und schützt sich für 898 € eventuell vor Erkältungen.

Jeder Chemiker weiß auch, dass diese Inhaltsstoffe im chemischen Großhandel für wenige Euro pro Kilogramm zu haben sind. Der Ankauf des Plastikmaterials für die wundersamen Inhalationsgeräte dürfte die “Firma” wohl ebenfalls nicht in nennenswerte Unkosten stürzen. Die Gewinnspanne aus dem Verkauf des abstrusen Wunderheilmittels dürfte jeden Drogenhändler vor Neid erblassen lassen.

Wahrscheinlich würde der Verkaufssprecher im Nachhinein vehement bestreiten, dass er die Vorrichtung jemals mit Heilwirkung und als “Sauerstoffgenerator” beworben hat. Allein: Es wird ihm nichts nutzen. Denn, wie oben schon gesagt: Diesmal gab es leider gleich mehrere sichere Zeugen, die den Hergang jederzeit auch vor Gericht bestätigen werden. Über eine Strafanzeige wegen gewerbsmäßigen Betrugs darf bei den Herrschaften ebenfalls schon einmal eine gewisse Vorfreude aufkommen.

Einer der Verkäufer hat nach dem unverhofften Ende der Veranstaltung, als er beim Ausparken im Rückwärtsgang einen wütenden Knallstart hinlegen wollte, mit dem Fahrzeugheck unsanft einen Laternenmast gerammt. Der Blechschaden könnte dabei den Kaufpreis einer seiner Wunderkuren immerhin noch erheblich übersteigen. An diesen Tag denkt Monsieur hoffentlich noch lange zurück. Zur Beruhigung seiner Nerven empfehlen wir ihm eine einstündige Inhalation über dem wertvollen Brausepulver der Riva Star Ltd. Co. KG. Das soll bei der Motivationsförderung innovativer Bremer Marketingspezialisten eine ganz erstaunliche Wirkung entfalten.

Wieder einmal wurde eine Kaffeefahrt gesprengt – aber viele andere finden täglich ungestört statt, leider. An diesem krassen Beispiel erkennen Sie, auf welch unverschämte Art in Deutschland alte Menschen von den Bremer und Cloppenburger Banden nach Strich und Faden über den Tisch gezogen werden. Informieren Sie sich in unserem Artikel über diese Kaffeefahrten:

Drucken Sie unseren Info-Flyer aus und zeigen Sie diesen den alten Menschen in Ihrer Umgebung.

Article source: http://antispam.de/news/index.php?/archives/282-Kaffeefahrt-bei-FrankfurtOder-gesprengt-Verkaeufer-pries-billiges-Brausepulver-als-angebliche-Sauerstoffkur-an.html

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